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Automobilindustrie in der Krise: NRW braucht einen europäischen Airbag

Der Corona-Schock hat die Automobilindustrie gebeutelt. Durch den Stillstand bei Absatz und Produktion verlieren Automobilkonzerne bis zu zwei Milliarden Euro – wöchentlich. Autohändlern entgingen bisher rund 80 Prozent ihrer Aufträge im Neuwagenhandel. Prognosen zufolge würden in diesem Jahr etwa 900.000 weniger PKW als 2019 hergestellt. Die Pandemie droht, eine ganze Branche an die Wand zu fahren. Deshalb muss Europa Wirtschaft und Menschen jetzt mit einem starken Aufprallpuffer zur Seite stehen. Davon würden NRW, Deutschland und Europa selbst profitieren.

COVID-19 ist nicht nur Sand im Getriebe

Das Konsumklima ist im Zuge des COVID-19 Virus so tief wie seit der Finanzkrise nicht mehr. Die schlechte Verbraucherstimmung und geringe Bereitschaft zu Anschaffungen wie Fahrzeugen wirken sich stark auf die Automobilindustrie aus. Ihre Produktions- und Lieferketten erstecken sich über den Binnenmarkt, schaffen international Arbeitsplätze, aber sind gleichzeitig ihre Achillesverse in Zeiten einer globalen Pandemie. In deutschen Werken bestehen Überkapazitäten über Nacht in Millionenhöhe. Beschäftige werden in Kurzarbeit geschickt. Studien sehen bis zu 100.000 Arbeitsplätze bedroht. Die Automobilbranche steht unter Druck, und dies in einer Zeit, in der sie sich ohnehin im kräftezehrenden, teuren Umbruch zur Elektromobilität befindet.

Es mag durchaus richtig sein, dass deutsche Autobauer sich eher im Schatten ihres Erfolgs ausruhten, wo sie doch das Thema Zukunftsantrieb vor Jahren hätten stärker angehen können. Man muss jedoch kein Auto-Narr zu sein, um zu verstehen, dass eine gesunde Fahrzeugbranche – trotz allem – der Motor unserer Wirtschaft ist. Deutschland ist laut Bloomberg Innovation Index 2020 nach wie vor das innovativste Land der Welt, wozu die deutsche Automobilindustrie maßgeblich beiträgt. Industrie und Innovation gehören schließlich zusammen: Meister, Diplom-Ingenieure und Wissenschaftler tüfteln Hand in Hand an der besten Mobilität unserer Zeit.

Deutschlandweit arbeiten mehr als 850.000 Menschen in der Automobilindustrie. Ihr Herz schlägt nicht nur in Baden-Württemberg oder Wolfsburg, sondern auch im Nordrhein- Westfalen. Ob Opel in Bochum, Ford in Köln oder DFA in Bielefeld – Automobilhersteller und Zulieferer sind mit 200.000 Beschäftigten eine Schlüsselindustrie Nordrhein-Westfalens. Etwa ein Drittel der deutschen Automobilzulieferbetriebe befindet sich hier. Von der Automobilforschung bis hin zur Entwicklung und Produktion ist alles „made in Germany“ oft hausgemacht „made in Rheinland“. Wenn also Grüne-NRW-Europapolitiker wieder einmal gegen die Lobbyinteressen der Automobilindustrie wüten, dürfen sie gerne auch an die Interessen der 6.000 Mitarbeiter des Daimlerwerks in Düsseldorf denken.

Akuter Handlungsbedarf auch für die Stahlindustrie

Mit der Automobilindustrie ist auch die Stahlindustrie verflochten. Absatzeinbrüche bei den PKW-Herstellern hinterlassen auch in dieser Branche ihre Folgen und Nordrhein-Westfalen als wichtigster Stahlstandort Europas mit rund 46.000 Beschäftigen an Rhein und Ruhr ist besonders betroffen. Steigende Energie- und CO2-Kosten für die Stahlindustrie sowie der teure Transformationsprozess zu einer klimaneutralen Stahlwirtschaft bis 2050 kommen hinzu. Zeitgleich drohen Überkapazitäten aus China oder Russland verstärkt in den europäischen Markt einzudringen. Unsere heimische Stahlindustrie braucht jetzt ebenfalls Europas Rückendeckung.

Europa muss jetzt handeln

Es ist begrüßenswert, dass EU- Binnenmarktkommissar Thierry Breton nun Unterstützung aus Europa angekündigt hat: rund zehn Prozent des geplanten europäischen Wiederaufbauprogramms. Sein genauer Umfang wird noch festgelegt, jedoch sind Hilfen in zweistelliger Milliardenhöhe für den Mobilitätssektor im Gespräch.

Was die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Stahlindustrie betrifft, müssen die Zollkontingente der Stahlimporte dringen angepasst werden. Es ist notwendig, die sogenannten „EU-Safeguards“ auf Stahlprodukte aus nicht-europäischen Ländern zu verschärfen und noch größere Überkapazitäten durch Billigimporte zu verhindern. Insbesondere im zweiten und dritten Quartal 2020 werden die Folgen der corona-bedingten eingeschränkten Nachfrage für den Stahlsektor spürbar sein. Bis dahin ist die Anpassung der Zollkontingente in dieser Zeitspanne zwingend erforderlich.

Nicht zuletzt müssen wir noch einmal über den europäischen „Green Deal“, den Fahrplan der EU-Kommission für eine nachhaltige Wirtschaft, sprechen. Ein vernünftig umgesetzter Green Deal mit ambitionierten Klimaschutzzielen hat das Potenzial, Europa zum Wirtschaftsmotor und zur Innovationsschmiede im Bereich Nachhaltigkeit zu machen. Die Prioritäten haben sich jedoch gezwungenermaßen verschoben. Wir sollten den Green Deal angehen, aber nicht so, als gebe es kein Corona. Wir müssen beispielsweise über die drohenden Strafzahlungen diskutieren, die Automobilherstellern drohen, wenn ihre Neufahrzeuge die von der EU vergebenen Kohlendioxide-Ziele überschreiten. Die CO2-Vorgaben von 95 Gramm Kohlendioxid (CO2) je Kilometer sollten jetzt nicht aufgeweicht werden – aber die milliardenhohen Strafen wären von Volkswagen, Daimler und Co. (auch im Sinne des Green Deals) besser in Elektromobilität investiert.

Europa hat also durchaus Möglichkeiten, der nordrhein-westfälische Industrie zielgerichtete, temporäre Wirtschaftshilfen zur Verfügung zu stellen, von denen es aufgrund der binnenmarktlichen Verflechtungen selbst profitieren würde. Nur mit einem robusten europäischen Airbag können wir Hindernissen, wie dem Corona-Schock, standhalten.

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