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Die Herrschaft des Kinderzimmers: Beobachtungen im NRW-Kommunalwahlkampf

Bei den NRW-Kommunalwahlen 2020 gelang den Grünen ein großer Sprung: In der Altersgruppe 16 bis 24 Jahre erreichten die Grünen 34 Prozent der Stimmen. Bei den 35- bis 59-Jährigen waren es 22 Prozent. Dass die Grünen die urbane Jugend umgarnen, ist klar. Warum wählt die ältere Generation plötzlich grüner? Vor den anstehenden Stichwahlen ist diese Frage wichtig. Demoskopen und Politologen haben hier einschlägige Theorien parat. Als Vater bin ich aber geneigt, eine persönliche Erklärung, sozusagen „aus der Empirie heraus“, zu diskutieren. Die These: Eltern wählen grün wegen ihren Kindern. Grün-gesinnte Schüler führen ihren selbst-deklarierten Erziehungsauftrag an Mutter und Vater (und den Rest der Welt) eben gerne aus. Sag mir, ob dein Kind zu Fridays for Future geht und ich sage dir, wen du wählst.

Evolution der Sozialisation: Generation Z übernimmt die Erziehung?

Eltern haben eine Schlüsselrolle in der politischen Sozialisation der Kinder. Sie prägen ihre Parteipräferenz. Bis 1959 stand dem Vater die rechtliche Vorherrschaft bei der Kindererziehung zu und so gab er damals überwiegend den politischen Ton in der Familie an. Im Zuge der größer werdenden ökonomischen Unabhängigkeit der Mutter und des wachsenden Engagements von Frauen auf allen Ebenen der Politik, gab die Mutter die Richtung vor. Mit dem Heranwachsen der selbstbewussten, politik-interessierten und medienaffinen Generation Z (alle nach 1995 Geborenen) verschob sich das Machtzentrum der Familie. Nachhaltigkeit hat für viele dieser Kohorte Priorität – das weiß man seit Greta Thunbergs Dauerpräsenz im deutschen Fernsehen zeitweise fast schon einen Robert Habeck neidisch machen konnte. Streikende Schüler legen jetzt die Wahlentscheidung der Elterngeneration fest. Die Meinungshoheit der Eltern hat sich der Herrschaft des Kinderzimmers gebeugt.

Warum lassen sich Eltern von ihren Kindern die Wahl nehmen?

Wenn der Diesel-SUV vom Kind dämonisiert wird und die Flugreise zur Inquisition beim Abendessen führt, dann repräsentiert die Stimme für die Grünen einen günstigen CO2-Ablassbrief und damit das beste Mittel für den Feierabendfrieden.

Hand auf’s Herz, hin und wieder wollen wir Eltern heimlich auch einmal „cool“ vor den Kindern sein und keine Trends verpassen. Grüne-Wählen ist die Eintrittskarte in den Club, Parents for Future (ja, das gibt es) ist die VIP-Lounge.

Aber grundsätzlich: Kinder sind eben das Wichtigste für uns, denn es gibt immer weniger von ihnen. 53 Prozent der Familien in Deutschland haben nur ein Kind. Deshalb geben Eltern ihnen zuliebe so einiges auf, beispielsweise die Wahlentscheidung.

Kinder an die Macht?

Sicher, Klimaschutz ist eine Zukunftsaufgabe, denn wir schulden unseren Nachkommen eine lebenswerte Umwelt. Es ist ehrenwert, sich dafür einzusetzen. Aber wir müssen auch kritisch sein, den Aktionsdrang unserer Kinder nicht ständig nur bejubeln. Klarmachen, dass freitags nicht nur Schulstreiks, sondern auch Mathe- und Deutschunterricht gut für die Zukunft sind. An Bildung for Future und das Neutralitätsgebot darf sich nebenbei auch der ein oder andere Lehrer gerne wieder erinnern. Dass Kinder erst einmal in die Schule und nicht an die Macht gehören – das darf altersdiskriminierungs- und adultismusfrei behauptet werden. Wo der Nachwuchs zur moralischen Instanz wird, müssen Eltern das Gegengewicht der Vernunft sein. Hierzu gehört es, Mut zur eigenen Wahlentscheidung zu haben.

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